Kurzgeschichte: Das letzte Blatt

Das letzte Blatt

Eine Kurzgeschichte

In liebevoller Erinnerung an O. Henry, der uns lehrte, dass Hoffnung das letzte Blatt ist, das nie fällt.

Das letzte Blatt

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Im alten Greenwich Village, wo die Häuser eng beieinanderstehen und Künstler in kleinen, windschiefen Wohnungen leben, wohnten zwei junge Malerinnen, Sue und Johnsy. Sie waren Freunde geworden, als sie sich in einem kleinen Restaurant getroffen hatten. Gemeinsam bezogen sie ein Atelierzimmer im dritten Stock eines alten Hauses.

Es war Herbst, und ein kalter, unsichtbarer Feind streifte durch die Stadt – die Lungenentzündung. Viele lagen darnieder, und auch Johnsy wurde krank. Tag für Tag lag sie still im Bett, sah aus dem Fenster und zählte die Efeublätter, die an der Mauer des Nachbarhauses hingen.

„Wenn das letzte Blatt fällt,“ flüsterte sie leise, „werde ich auch gehen müssen.“
Sue erschrak. „Aber Johnsy, das ist doch Unsinn! Du wirst bald gesund, das hat der Arzt gesagt.“

Doch Johnsy schüttelte nur den Kopf. Ihr Blick blieb an der grauen Wand und den fallenden Blättern hängen.

Im selben Haus wohnte unten ein alter Maler, Herr Behrman. Er hatte sein Leben lang davon geträumt, ein großes Kunstwerk zu schaffen, doch es war ihm nie gelungen. Er trank zu viel, brummte viel, aber in seinem Herzen wohnte Güte.

Als Sue ihm von Johnsys seltsamer Hoffnung erzählte, stampfte er mit dem Fuß.
„So ein Unsinn! Ein Mädchen will sterben, weil ein paar Blätter fallen! Ich male ihr ein Blatt, das niemals fällt!“

In jener Nacht tobte ein Sturm. Regen peitschte gegen die Scheiben, und der Wind riss die letzten Blätter vom Efeu.

Am nächsten Morgen wagte Sue kaum, den Vorhang zu öffnen. Doch Johnsy flüsterte:
„Sieh! Da hängt noch eines… das letzte Blatt.“
Ein einzelnes Blatt klammerte sich fest an die Mauer, grün und kräftig trotz Wind und Regen.
Und am nächsten Tag hing es immer noch dort.
Und am dritten Tag ebenso.

Johnsy sah es und flüsterte:
„Vielleicht war ich töricht. Etwas in mir sagt, dass ich leben will.“
Von diesem Tag an besserte sich ihr Zustand. Sie aß wieder, sprach wieder, lächelte wieder.

Einige Tage später kam Sue von unten zurück. Ihre Augen waren rot vom Weinen.
„Behrman… ist gestorben“, sagte sie leise.
„Er wurde in jener Nacht durchnässt und krank. Heute früh fand man ihn in seinem Zimmer… mit noch nassem Pinsel und Farben…“
Sue sah aus dem Fenster.
„Johnsy… das Blatt da draußen – es ist kein echtes Blatt. Behrman hat es dir gemalt, in der Nacht, als der Sturm tobte.“

Johnsy blickte hinaus auf das Blatt, das so fest an der Wand hing, als wollte es nie fallen.
Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Er hat sein Meisterwerk gemalt,“ flüsterte sie, „und dafür sein Leben gegeben.“

***

Nach einer freien Übertragung von O. Henry © Maria Schasteen · www.mariaschasteen.com